Hackathons – Die digitale Manifestation ungerichteten Engagements als moderner Ausdruck von Hilflosigkeit?

Lange, lange habe ich nichts mehr geschrieben. Doch heute habe ich Zeit. Mehr oder weniger unerwartet. Denn ich habe mir einen Arbeitstag freigeschaufelt. Für eine tolle Initiative und unsere Hochschule ist dabei: Der Hackathon „SemesterHack – Wir hacken das digitale Sommersemester“. Vielversprechende Ausschreibung, grundsätzlich eine tolle Idee, eine Initiative die man mittragen kann.

Also habe ich mich hingesetzt und mir eine Challenge ausgedacht. Nichts was ich jetzt unbedingt sofort brauche, nichts worauf ich für meine Diss aufbauen möchte. Aber etwas wo durchaus frischer Input hilfreich sein könnte. Ich hab mir also etwas überlegt, was schon länger in meinem Kopf rumschwirrt, ich aber nie die Zeit hatte es selbst in die Tat umzusetzen, was aber in den Kontext passt und nach dem Motto „Viele Hände, schnelles Ende“ umgesetzt werden können. Konkret geht es um Aufschlüsselung der Beteiligung in Git-Projekten, damit wir als Dozenten eine solide Grundlage für Individualbewertungen haben. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, warum ich gerade Zeit habe.

Ich habe einen Impuls vorbereitet. Zwei Seiten in GoogleDocs, mit öffentlichem Link und freigeschalteter Kommentarfunktion. Ich habe mich in Mattermost angemeldet, einen Channel erstellt, meine Challenge vorgestellt. Einen Teaser in den Themencluster-Kanal gepackt. Alle möglichen Kanäle abonniert. Hier und da ein wenig Aktivität gezeigt. Subtil Werbung für unsere Challenges gemacht, insgesamt haben wir zwei vom Institut eingereicht. Um zehn war der Auftakt-Livestream. Danach sollte es losgehen. Und jetzt warte ich. Anfangs großes Chaos, riesiger Andrang in den Supportchannels. Kleine Vorstellungsrunden in diversen Challenges. Dann Ruhe. Es ist verdächtig ruhig. Aber nicht die Ruhe im Kino unmittelbar vor Vorstellungsbeginn. Nicht die Ruhe eines Hörsaals mit 150 Studis die eine Klausur schreiben. Eine andere Form der Ruhe. Eine schwer zu beschreibende Ruhe. Was es vielleicht am Besten trifft ist die Ruhe einer Bahnhofshalle, in der man sitzt und auf den letzten Zug nach Hause wartet. Seit einer Stunde. Während anfangs noch hundert Leute am Bahnsteig standen, sitzen gerade noch zehn Leute in der Halle und warten, obwohl der Zug schon seit einer Stunde durch sein sollte. Es ist spät, es ist kalt und man hat keine andere Option als zu warten. Hin und wieder öffnet ein Bahnangestellter die Tür. Lugt herein. Nimmt die feindselige Stimmung war und verschwindet so schnell er kann wieder.

Nein, ganz so schlimm ist es nun wirklich nicht. Ich sitze in meinem Channel und winke jedem der reinkommt freundlich zu. Ich kann mich selbst beschäftigen und freue mich über jedes Interesse. Allerdings verschwinden alle sofort wieder, so wie der Studi, der als erster und alleine in den Hörsaal platzt, zehn Minuten vor Vorlesungsbeginn. Und vorne steht nur der Professor.

Vielleicht ist genau das Problem. Die Gruppe fehlt. Der Schutz der Gruppe. Der „Warteraum“, der Flur vorm Hörsaal. Aber das ist nicht alles. Was meiner Meinung nach fehlt ist Fokus.

Der große Hackathon „Wir vs. Virus“ ist noch gar nicht lange her und wurde in den Medien als großer Erfolg gefeiert. So viel Engagement, so viel Energie, so viele tolle Ideen. Nun, ich war selbst nicht dabei und deshalb kann ich auch nicht aus erster Hand berichten, aber das Bild, dass sich in meinem Informatikerumfeld abzeichnet ist nicht ganz so positiv. Ja, viele spannende Ideen. Jeder konnte dazu beitragen, eine Prüfung der Ideen hinsichtlich Machbarkeit fand nicht statt.

Das große Manko ist die enorme Energie der Massen, die in einem so kurzen Zeitfenster kaum zu bündeln geschweige denn in geordnete Bahnen zu lenken ist. Bereits beim Wir vs. Virus war es wohl so, dass auf jeden programmieraffinen Teilnehmer etwa 10 „Ideengeber“ kamen. Ideengeber voller Energie und Elan, aber ohne hinreichende Beharrlichkeit und Geduld, Ideengeber, die erschaffen wollen, um ihre Energie loszuwerden, nicht um ein Problem lösen zu können. Ohne auf spezielle Challenges eingehen zu wollen, abstrahiere ich den üblichen Prozess in den von mir beobachteten Kanälen, die noch aktiv sind, folgendermaßen:

  • Die Ideengeber sind in jüngerer Vergangenheit mit einem Problem konfrontiert worden, dass sie selbst kurzfristig nicht in den Griff bekommen haben. Aktuell in der Regel in der Folge der Pandemie, gewohnte Formate funktionieren nicht mehr oder lassen sich nicht ohne Adaption auf die Ihnen bekannten digitalen Medien übertragen.
  • In der Folge wird eine Challenge formuliert. Diese zielt darauf ab, die bekannten Prozesse zu adaptieren, um sie in die bekannten Medienformate übertragen zu können oder die Medienformate anzupassen oder neue zu schaffen um die Prozesse dort möglichst unverändert abbilden zu können.
  • Zu Beginn des Hackathons finden sich nun in den Challenges erstmal gleichgesinnte zusammen. Es wird das Problem besprochen und verschiedene Lösungsstrategien steigender Komplexität entwickelt.
  • Parallel dazu finden sich „Problemlöser“ im Hackathon ein. Ungerichtet, nicht biased, mit einem hohen Kompetenzlevel in spezifischen Bereichen. Die Anzahl ist schwer abzuschätzen, aber sie ziehen durch die Kanäle, scannen die Diskussionen, geben Impulse, orientieren sich. In den hier beschriebenen Kanälen verweilen sie selten lange.
  • Trifft so ein „Hacker“ (über das Wort möchte ich nochmal sprechen, aber nicht an dieser Stelle, das sprengt den Rahmen) so einen Raum, passiert es nicht selten, dass der in seiner Domäne hochinformierte Problemlöser auf eine bestehende Lösung verweist. Manchmal sogar auf mehrere. Er (oder sie) betrachtet das Problem als gelöst und zieht weiter.
  • Im Kanal zeichnet sich folgendes Muster ab. Es kehrt Ruhe ein. Vermutlich läuft Recherche im Hintergrund. Dann wird die Lösung diskutiert. Nicht sachlich und wissenschaftlich. Nein, meist ist ein gewisser Grad der Verzweiflung erkennbar, eine Sinnsuche. Die Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal. Was macht unsere Idee besser als die vorhandene Lösung? Und wie das mit dem Phänomen der Kognitiven Dissonanz nunmal so ist findet sich dieser „Unique Selling Point“.

Und so wird das grüne Auto von Grund auf neu erfunden, weil das rote nicht gefällt. Und keine Halterung für den Thermobecher hat. Und überhaupt, kann man es dann noch etwas runder machen, das rote war ohnehin viel zu eckig. Und oft fängt es dann an, in die Richtung „Wünsch dir was“ zu gehen, bei der häufig die technische Expertise fehlt und wenn man schon dabei ist braucht das neue grüne Auto auch keinen Treibstoff mehr.

Der Problemlöser dreht weiter seine Runde, schließt sie ab und möchte sich tiefer einem Problem widmen. Er kommt zurück in den Kanal und sieht sich mit einer großen Erwartungshaltung konfrontiert. Ihn fehlen Zeit und Muße zu erklären, was im gegebenen Zeitrahmen möglich ist und sucht sich eine andere Baustelle.

Das mag ziemlich überzogen klingen, entspricht aber der Realität. Ich durfte bei Wir vs. Virus über die Schulter sehen und für jeden motivierten Programmierer fanden sich mindestens ein neuer Entwurf für „Moodle aber anders“. Pädagogen, die mit den gegebenen Systemen überfordert sind, insbesondere angesichts der Situation und des Zeitdrucks. Und das ist völlig verständlich. Aber ob ein Hackathon das passende Format ist, dieses Problems Herr zu werden ist eine ganz andere Frage.

Am Ende eines solchen Hackathons stehen daher am Ende viele große und kleine Konzepte, unausgereifte Ideen, von denen viele den Schritt in die Umsetzung nie erleben werden. Ich will die Sache insgesamt nicht kleinreden. Jedes erfolgreiche Projekt, dass es aus einem Hackathon herausschafft ist im Grunde Rechtfertigung genug und zeigt, dass es sich gelohnt hat. Ich kritisiere lediglich die Darstellung (und ich weiß, dass es Aufgabe der Organisatoren ist), dass alles ein voller Erfolg war und 1000 Leute zielgerichtet gearbeitet und großes vollbracht haben. Ich würde nicht tauschen wollen und habe großen Respekt davor, so ein Event zu organisieren. Ich will konstruktiv kritisieren. Meine Wunschliste für zukünftige Hackathons: Kanalisiert diese Energie. Da ist großartiges Potential vorhanden, es muss nur gesteuert werden. Meine Vorschläge dazu:

  1. Brecht es nicht übers Knie. Auch wenn es sich cool anhört, das Event wird nicht besser, wenn man es alles binnen drei Wochen organisiert bekommt.
  2. Nicht jede Challenge ist eine gute Challenge. Tretet in Kontakt mit den Paten. Sprecht mit ihnen über Wünsche, Zielvorstellungen, Erwartungen.
  3. Themenclustering ist intuitiv eine gute Idee, funktioniert meiner bescheidenen Meinung nach aber nur, wenn die Intention übereinstimmt. Ich persönlich würde es vorziehen, nach erwartetem Output zu klassifizieren. Soll Software entstehen? Eine Architektur oder Plattform entwickelt werden? Ein Konzept oder Whitepaper? Sollen didaktische Fragestellungen entwickelt werden? Vorhandene Konzepte adaptiert? Oder geht es um Erfahrungsaustausch und Strategiediskussionen? Als Unterstruktur kann man dann thematisch ordnen.
  4. Helft bei der Organisation der „Hacker“! Fragt Kompetenzprofile ab, gebt vorher Raum zum Vernetzen.
  5. Passend dazu: Lagert Vor- und Nachbereitung aus. Sind die Challenges nicht hinreichend vorher bekannt, vergeht zu viel Zeit zu Beginn beim Überfliegen der zahllosen Projekte. Ungebundene Problemlöser kommen erst dazu, wenn die Diskussion dann im vollen Gange ist.
  6. Auch die Präsentation sollte nachgelagert sein. Im aktuellen Hackathon sehe ich gerade zu Beginn von Tag 2 überall: „Wir müssen uns jetzt auf die Präsentation konzentrieren!“. Ein halber Tag Findungsphase, ein halber Tag Arbeit, ein Tag Präsentationsvorbereitung? Hier stimmt die Verhältnismäßigkeit einfach nicht. Eine Abgabedeadline für die Präsentationsmaterialien am zweiten Tag um 20 Uhr finde ich nicht gut und hinterlässt bei mir den bitteren Nachgeschmack von reiner PR-Maßnahme. Eine Jury und Preisgeld verschärfen die Problematik zusätzlich.

Jeder mag das Gefühl gebraucht zu werden und Hackathons schaffen es inhärent das zu erzeugen. Die Gruppe zieht, viele sind dabei, die Organisatoren sind sehr bemüht, die Veranstaltung als vollen Erfolg darzustellen. Was jetzt noch fehlt ist eine Strategie, wie die Erfolgsaussichten der einzelnen Challenges deutlich erhöht werden können, um nicht nur einzelne Leuchtturmprojekte zum Leuchten zu bringen.

Vielleicht sollten wir dazu mal einen Hackathon veranstalten…

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